Habemus papam.

 

Zwischen dem Jubel der BILD-Zeitung: „Wir sind Papst“ und den bangen Erwartungen mancher, dass die römische Kirche nun zurückfällt in die Zeiten der Inquisition, lag das ganze Spektrum der Erwartungen und Befürchtungen, als die Wahl von Josef Kardinal Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. bekannt wurde. Fast 200 Tage sind seit dem vergangen, die doppelte Zeit dessen, was man neuen Amtsträgern so als „Einarbeitungszeit“, als Zeit erster Profilierung zubilligt. Meine erste Frage an mich selbst war damals die Überlegung, ob es sinnvoll sein könnte, den damals ja auch neuen Bischof von Magdeburg zu bitten, den „Themenspeicher“[1] unter den Arm zu klemmen und in Rom auf den Tisch zu legen. Denn, so das sehr plastische Bild eines mir bekannten Priesters, als Kardinal hatte Josef Ratzinger ja die Aufgabe, quasi als scharfer Wachhund die Herde zusammenzuhalten, als Papst Benedikt sei er aber jetzt in der Rolle des Hirten, der das Feld überblickt, der um das Ziel weiß und der seine Sorge vor allen den Verletzten und Lahmenden angedeihen lässt.

Bisher scheint mir das neue Pontifikat unter der großen, durchaus fragwürdigen Klammer „Kontinuität“ zu stehen: In der Kurie hat es kaum einen Personalwechsel gegeben, in der Ökumene sind die Zeichen mehrdeutig, im Bereich Familie/persönliche Lebensführung wird auf den alten Positionen verharrt. Bei diesen beiden letzten Themen möchte ich etwas ausführlicher werden.

In keiner der bisherigen großen Predigten fehlt ein Hinweis auf die Bedeutung der ökumenischen Beziehungen für die Glaubwürdigkeit des christlichen bzw. des religiösen Zeugnisses in der Welt. Begegnungen mit Vertretern der christlichen Kirchen, des Judentums und des Islam, sowohl in Rom als auch am Rande des Weltjugendtages in Köln sind richtige und wichtige Zeichen in dieser Richtung. Aber dass er, wie die Nachrichtenagenturen berichten, die nichtkatholischen Amtsträger immer nur als Vertreter christlicher Gemeinschaften anspricht und in diesem Zusammenhang konstant das Wort „Kirche“ vermeidet, zeigt doch, dass das Schreiben „Dominus Jesus“ aus dem Jahr 2000, das allgemein als ökumenehinderlich bewertet worden ist, nach wie vor eine Bedeutung hat. In diesem Zusammenhang gewinnt der Ausstieg der evangelischen Kirchen um die Bemühungen um eine Einheitsübersetzung der Bibel so kurz nach dem Treffen in Köln neue Aktualität und Brisanz.

Auf einer Tagung über „Familie und christliche Gemeinschaft“ am 6. Juni d.J. kann man im Referat des Papstes u. a. diesen Satz finden: „...steht die menschliche Sexualität nicht einfach neben unserer Person, sondern gehört zu ihr. Nur wenn die Sexualität integraler Bestandteil der Person ist, kann sie sich einen Sinn geben. ...“ Weiter unten aber findet man dann nur die leider immer noch üblichen Pauschal-Verurteilungen von „Ehe auf Probe“, „Pseudo-Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Personen“ und anderen „heutigen Formen der Auflösung der Ehe“; und das alles in einem Atemzug.

Wenn Sexualität aber „integraler Bestandteil der Person“ ist, dann ist Enthaltsamkeit nur dann eine glaubwürdige und lebbare Möglichkeit, wenn man Erfahrungen mit der eigenen Sexualität gemacht hat, wenn man weiß, worauf man verzichtet. Und dann brauchen wir Lösungen für die normalen Alltagsprobleme, dann brauchen wir Formen der Barmherzigkeit und der Rehabilitation für Menschen, die in ihrer Liebesbeziehung gescheitert sind, dann brauchen wir Ermutigung zu Kindern und für eine verantwortliche Begrenzung der Kinderzahl, dann muss zumindest klar werden, dass die sogenannten Verhütungsmittel wertneutrale Mittel sind, dass es hier, wie bei allen „Mitteln“ sinnvollen Gebrauch und  auch Missbrauch gibt. Auch für das „Lehramt“ sollte gelten, dass es die modernen Erkenntnisse in allen Wissenschaften zur Kenntnis nimmt und sie im Lichte der biblischen Botschaft, nicht aber anhand des zeitgebundenen Buchstabens der „heiligen Schriften“ bewertet.

Aber nach wie vor orientiert das „Sündenregister“ an faktischem Tun; ohne zu fragen, welche Bedeutung es für die Beziehungen zwischen den Menschen, für ihr „Wachsen in der Liebe“ hat oder haben kann. Gerade weil Benedikt XVI. als nüchterner Wissenschaftler bekannt ist, hat er hier eine besondere Verantwortung, damit nicht weiterhin die Aussagen des Lehramtes und die praktische Lebensführung der Gläubigen in so gravierender Weise auseinander klaffen, wie es vor allem die letzten 40 Jahre gezeigt haben.

                                                                                                                                 Helmut Hiller

 

[1] Der Themenspeicher ist die Auflistung der durch das Pastorale Zukunftsgespräch im Bistum Magdeburg nicht bearbeiteten Sorgen und Probleme „...die auf Bistumsebene nicht entschieden werden konnten und deshalb auch nicht verhandelt werden sollten.“